Thomas Otte
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BEM: Viel Arbeit, um der Arbeit willen

Zwar nimmt die Zahl physischer Belastungen am Arbeitsplatz immer mehr ab, auch dank der Automatisierung, gleichzeitig erkranken aber mehr und mehr Menschen in ihrem Beruf heutzutage psychisch. ‚Depression‘ oder ‚Burn-Out‘ sind nur zwei der Begriffe, die sich für diese Krankheiten eingebürgert haben.

Psychische Krankheiten sind keineswegs ‚chronisch‘, d. h. sie beginnen und enden in der Regel irgendwann auch wieder. Vor allem dann, wenn sich die belastenden Arbeitsbedingungen geändert haben. Zuständig für eine erfolgreiche Rückkehr in den Beruf ist in den Unternehmen das ‚Betriebliche Eingliederungs-Management‘ (BEM).

Seit dem Jahr 2004 gibt es dieses Instrument, das allen Unternehmen auferlegt, initiativ zu werden – nach Krankheitszeiten von sechs Wochen, die sich innerhalb von zwölf Monaten ereignet haben müssen. Es gilt dann, über eine Veränderung bisheriger Arbeitsbedingungen zu sprechen. Mit dem Ziel, die Zahl der Krankheitstage künftig zu verringern, einer absoluten Arbeitsunfähigkeit vorzubeugen, und die Wiedereingliederung möglich zu machen.

Nehmen wir eine Frau B., eine hervorragende Sachbearbeiterin, die nach der Trennung vom Partner mit zwei Kindern zurückblieb, und angesichts der Doppelbelastung in Beruf und Erziehung depressiv wurde. Das BEM sollte dann weniger über Frau B. nachdenken, sondern über die äußeren Ursachen ihrer Krankheit. Viele Möglichkeiten tun sich dann auf, die alle auf einer Verringerung dieser Belastung hinauslaufen: beispielsweise ein stressfreierer Arbeitsplatz, eine Beschäftigung in Gleit- oder Teilzeit, eine zusätzliche Qualifikation, die Einrichtung eines Home-Office, bis hin zum Aufbau einer betriebseigenen Kita vor Ort. Das BEM macht den Unternehmen kaum Vorgaben über die Art der zu ergreifenden Maßnahmen.

Weiterhin sind heutzutage die Interessen von Betriebs- und Personalräten einerseits wie auch der Betriebsleitungen andererseits häufig identisch. In Zeiten der Vollbeschäftigung sind gute Arbeitskräfte zu einer Mangelware geworden, kaum jemand ist noch einfach ‚austauschbar‘. Es liegt daher im beiderseitigen Interesse, eine Wiedereingliederung erfolgreich zu gestalten.

Am Beginn jeder BEM-Maßnahme steht zunächst das ‚Erstgespräch‘, das dazu dient, die individuellen Belastungen, die zur Krankheit führten, zu erschließen, um nach dieser ‚Exploration‘ über Abhilfen nachzudenken. Es handelt sich also um einen Prozess, der dann viele Schritte zur Umsetzung erfordert. In der betrieblichen Praxis ist es leider heute oft noch so, dass dieses BEM-Gespräch gleich in eine ‚Universal-Lösung‘ mündet, die schon fertig in der Schublade lag. Das Erstgespräch wird damit zugleich zum Letztgespräch. Ein Scheitern dieses bürokratischen Vorgehens ist in vielen Fällen vorprogrammiert. Deshalb, weil die Person mit ihren höchst individuellen Lebensumständen aus dem Blick geriet.

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