Thomas Otte
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Die graue Zeit

Ob es sich bei einer Depression um eine psychische oder um eine Stoffwechselkrankheit handelt, darüber streiten sich die Gelehrten. Wen dieser ‚November der Seele‘ trifft, den verlassen plötzlich die Antriebe zur Aktivität, jede Freude ist dahin, das Interesse an anderen schwindet, das Selbstwertgefühl nähert sich der Null, die geistige Leistungsfähigkeit kreist zwang- und karussellhaft um immer gleiche graue Themen. Der Gedanke an Selbstmord liegt gar nicht mehr fern.

Ob man nun von einer Depression spricht oder – fürnehmer – von einem ‚Burn-Out‘, das Problem wächst mit jedem Jahr. Längst ist die Depression zur Volkskrankheit geworden: Vier Millionen Menschen leiden in Deutschland aktuell unter einer Depression, zehn Millionen Menschen haben bis zu ihrem 65. Lebensjahr eine Depression erlebt. Dafür, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt, spricht übrigens die weltweite Verbreitung. Die Depression ist eine Krankheit der ‚Industrienationen‘, sie muss also etwas mit unseren Lebens- und Arbeitsweisen zu tun haben.

Trotz dieses gesellschaftlichen Befundes wird die Depression überwiegend chemisch behandelt. Mit Hilfe von hemmenden Substanzen versucht man, den Abbau des ‚Glückshormons‘ Serotonin im Gehirn zu verzögern. Das Problem: Bei manchen Patienten verstärken einige Medikamente die depressiven Schübe zunächst noch, bevor die erwünschte Wirkung einsetzt. Was dann das Suizidrisiko und sogar Fälle von ‚erweitertem Suizid‘ erhöht. Bei einem erweiterten Suizid reißt der Depressive andere Menschen mit in den Tod.

Interventionen sollten daher nach Möglichkeit vor Ausbruch einer Depression erfolgen, weil bestimmte ‚Typen‘ von Menschen anfälliger für Depressionen sind als andere – vor allem in beruflichen Situationen. Wer beispielsweise das Berufsleben als eine unaufhörliche Folge von Kämpfen auf der Karriereleiter erlebt, der erhöht auf diese Art, die Welt zu sehen, sein Depressionsrisiko erheblich. Die Depression hat hier also ‚kognitive Ursachen‘, sie ist eine Folge der Weltbetrachtung.

Andererseits gelten solche Menschen in Firmenzusammenhängen oft als besonders wertvolle und ‚erfolgsorientierte‘ Arbeitskräfte. ‚Burn-Outs‘ auf der Führungsebene, welche diese Menschen überdurchschnittlich häufig betreffen, werden also gerade jenen Firmen die Bilanz verhageln, die unternehmensintern auf aggressive Formen der Rücksichtslosigkeit und des Egoismus setzen. Zugleich erklärt dies ansatzweise, weshalb die Depression zu einer ‚Krankheit des Westens‘ werden konnte.

Wer die Burn-Out- und Depressionsrate in Organisationen grundlegend senken will, dem stellt sich daher zunächst die Frage nach der Unternehmenskultur. Klar scheint zu sein, dass Menschen mit einem dünnen oder einem kleinen sozialen Netzwerk besonders gefährdet sind. Wird also beim Aufstieg in der Firma die Luft dort oben immer kälter und dünner, müssen Männer oder Frauen an der Spitze sozial als Einzelkämpfer agieren, während unter ihrem Drahtseil schon die Wölfe heulen, dann haben Unternehmen am Ausfall wertvoller Arbeitskräfte durch Depression auch selbst schuld – sie betreiben gewissermaßen eine Burn-Out-Fabrik.

Ein antidepressives Vorgehen in Unternehmen setzt also an den Strukturen und an der Firmenkultur an. Sie belohnt Teamarbeit und sanktioniert das Einzelkämpfertum.
Die Alternative hierzu besteht darin, dem deutschen Staat und der Wirtschaft weiterhin jährlich Kosten von 21,9 Milliarden Euro für die Behandlung aufzubürden, begleitet von den Kosten für Fehlzeiten und die verminderte Produktivität betroffener Mitarbeiter. Knapp 25 % aller Fehltage im Beruf gehen heute schon auf das Konto von Depressionen.

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