Thomas Otte
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Die Neue Welt der Information

„Jede Ameise hat jetzt ein Megafon“, hieß es zu Beginn der Online-Revolution. Das war damals durchaus positiv gemeint: Der virtuelle Raum sollte zu einem demokratischen Forum werden, wo sich jeder mit seiner Meinung frei artikulieren könne. Von dieser Euphorie ist nicht viel geblieben.

Gerade im politischen und sozialpolitischen Bereich ist das Internet zu einem Schlachtfeld für ‚Hater‘ und für Hetze geworden, wo Desinformation und Fälschung eher zu den Regeln, als zu den Ausnahmen gehören. Der amerikanische Präsident, dem die ‚Washington Post‘ sieben blanke Lügen je Tag seiner Amtszeit nachwies, ist nur ein Beispiel für solche Verschiebungen. Ein Tweet von El Presidente wird von vier Millionen Menschen gelesen – und in der Folge erbittert verteidigt. Die Lüge ist gesellschaftsfähig geworden, sie ist vor allem für Rechtsextreme eine probate Waffe in den ideologischen Auseinandersetzungen.

Hinzu kommt, dass sich ein immer größerer Teil der Menschheit nur noch und ausschließlich über das Internet informiert. An die Stelle von ‚wahr‘ und ‚falsch‘ sind breite Grauzonen getreten. Der pubilizistische Wirkungsbereich der Schlachtschiffe klassischer ‚Mainstream-Medien‘ schrumpft, während vormalige Mikro-Medien, ob bei Facebook oder YouTube, bei den ‚Klicks‘ und ‚Likes‘ zu Quotenrennern wurden.

Die ‚Transnationalität‘ der neuen Medienwelt erschwert die Durchsetzungsfähigkeit unbestreitbarer Fakten weiter. Mit wenigen Ausnahmen endete die Reichweite bisheriger Medien auch an den Sprachgrenzen. Die berüchtigten ‚Trollfabriken‘, ob nun in Sankt Petersburg oder im Reich des IS, wurden erst dadurch möglich, dass die Desinformation auch sprachlich alte Grenzen niederriss. Die Lüge spricht heute alle Idiome dieser Welt.

Die Möglichkeit, Unliebsames ‚ratzfatz‘ auszublenden, kommt hinzu. Mit einem Klick wird der Produzent unerwünschter Argumente bei Twitter blockiert. Übrig bleiben nur jene, welche die eigene Weltsicht ‚teilen‘. So entstehen ‚Bubbles‘ oder ‚Filterblasen‘. Man bewegt sich in einer Wahnwelt, wo scheinbar alle Welt die eigene Ansicht hat. Man dünkt sich dadurch zugleich größer, als man ist, weil ja scheinbar ‚alle‘ dort das Gleiche denken. Ein freier Diskurs mit diesen Gefangenen ist fortan nicht mehr möglich.

Was aber heißt das für gesellschaftliche Akteure oder auch für die verbliebenen Vernunftbegabten? Zum einen dürfen wir darauf vertrauen, dass Fakten allemal stärker sind als ihre Gegner. Wer den Klimawandel leugnet, den wird die nächste Überschwemmung seines Kellers vielleicht eines Besseren belehren. Wer glaubt, als Reichsbürger müsse er in einem Land keine Steuern zahlen, weil es das Land seiner Ansicht nach gar nicht gibt, den wird eine Zwangspfändung möglicherweise monetär überzeugen. Nur, weil man eine Entwicklung nicht mag, heißt dies noch lange nicht, dass man sie umkehren oder leugnen könne. Die Welt bewegt sich eben doch …

Abwarten aber kann natürlich nicht alles sein. Um Dummheit, Faktenferne oder blanke Böswilligkeit im neuen Großreich der Desinformation zu bekämpfen, muss man auch auf die Mittel der Sprache setzen. Wer Dummes verbreitet, redet ja zumeist auch dumm daher. Witz. Ironie, Logik, Polemik, Sarkasmus, Beim-Wort-Nehmen … dies alles sind großartige Instrumente, welche die Sprache für uns bereithält, um den Augiasstall des Blödsinns im Internet gründlich durchzuscheuern. Diese Stilmittel müssen jetzt zwingend zu Werkzeugen einer neuen Öffentlichkeitsarbeit werden: Wer sich nicht intelligent wehrt, der lebt im Internet verkehrt …

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