Thomas Otte
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Leibesübungen: Mehr Seelen-Sport!

Manchmal ist ein Blick auf Übersetzungen nützlich, um generelle Einstellungen in einer Gesellschaft kenntlich zu machen. „Carpe diem“ – dies gab sich einst der antike Dichter Horaz zum Lebensmotto. ‚Nutze den Tag‘ – das haben wir in der deutschen Übersetzung daraus gemacht. Konträr zur eigentlichen Bedeutung dieses Satzes. Das Verb ‚carpere‘ heißt nämlich ‚pflücken‘. ‚Pflücke den Tag‘ – das ist also das, was Horaz einst niederschrieb: Denn du weißt nie, ob dieser Tag nicht dein letzter ist. Also schöpfe ihn lustvoll bis zur Neige aus. Die korrektere Übersetzung lautet daher: ‚Genieße den Tag!‘.

Aber wir haben der Horazischen Weisheit einen völlig anderen Sinn gegeben, der viel besser in unsere Welt der Zeitplanung und des ewigen Termindrucks passt. Funktionieren sollen wir, ständig unsere knappe Zeit ‚nutzen‘. Auch Gefühle sind dabei meist nur hinderlich. Obwohl Gefühle ebenso wichtig sind für die Gesundheit und für die Psychohygiene wie eine erfolgreich erbrachte Leistung.

Als Kind schon wird vielen beigebracht, diese zeitfressenden Gefühle zu unterdrücken. Deutsche Werte sitzen eben tief, manchmal werden sie auch ‚preußische Tugenden‘ genannt: „Wir kommen auf die Welt nicht, um zu genießen, sondern um unsere Pflicht zu tun!“. Daran kranken wir. Wer sich nicht die Zeit nimmt, um zu trauern, wer Sehnsüchte und Ängste als entbehrliches ‚Papperlapapp‘ unterdrückt, der schützt sich zwar vordergründig vor emotionalem Stress, er bleibt ‚funktionsfähig‘, er bekommt aber dafür langfristig dafür eine Depression, einen Reizdarm, Schlafstörungen oder Magengeschwüre. Wir müssen also lernen, dass unsere Gefühle niemals ‚verschwendete Zeit‘ sind – weder die guten, noch die schlechten. Hier einige Beispiele:

Trauer: Wir sollten das Gefühl der Traurigkeit ‚genießen‘, auch wenn das merkwürdig klingt. Wer seine Gefühle ernst nimmt, ist plötzlich näher bei sich. Mit sich selbst in Kontakt zu treten, ist etwas zutiefst Menschliches. Es ist nicht krank, um einen Verstorbenen ein ganzes Jahr zu trauern, es ist gesund!

Wut: Den Ärger runterzuschlucken macht uns krank, wie generell alle ungeklärten Konflikte. Die Spannung bleibt dann im Körper. Besser ist es, den Grund des Ärgers anzusprechen, Konflikte zu klären. Sie werden merken, Menschen haben mehr Respekt, wenn Sie anderen auch mal Grenzen setzen, ja, manchmal sogar ‚ausrasten‘.

Angst: Nur der Dumme ist mutig, sagen manche Anthropologen. Die Angst ist also ein überlebensnotwendiges Gefühl, sie macht aber viele Menschen übervorsichtig. Dabei kann niemand das Leben kontrollieren. Werfen Sie sich daher in die Wellen des Lebens, anstatt das Wasser zu vermeiden. Wer sich traut, findet auch Halt – vor allem Halt in sich selbst.

 

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