Thomas Otte
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Meditation: Geist und Körper sind nie getrennt

Kaum etwas wird so gut erforscht wie der menschliche Körper. Und dennoch beginnen die Mediziner erst jetzt zu verstehen, welche Selbstheilungskräfte in ihm stecken. Warum ist der Mensch in der Lage, scheinbar jede Krankheit selbst zu bezwingen? Das Geheimnis steckt in unserem Gehirn.

Warum bspw. ist der Mensch in der Lage, viele Krankheiten selbst zu bezwingen? Gedanken und Emotionen sah die Medizin lange als nebensächlich an, in Wahrheit steuern die biochemischen Prozesse und elektrischen Schaltkreise alle Körperreaktionen.

Wir wissen inzwischen alle, wie Stress entsteht und abläuft: Spannung, Stressreaktion etc. alles ist gut erforscht. Viel interessanter aber ist der Gegenprozess der Entspannung: Wie schafft es unser Körper, den Stress zu überwinden? Der Entspannungsprozess wurde von der Wissenschaft eher vernachlässigt. Dabei ist nur in diesem Modus der Mensch in der Lage, sich ‚selbst zu reparieren‘.

Mit Hilfe Meditation bspw. stärken wir den Entspannungsmodus. Wir nutzen ihn für unser Wohlbefinden. Das führt zu einer Erhöhung der Aktivität bestimmter Gehirnareale, die für Aufmerksamkeit, Konzentration und Erinnerung sorgen. Überdies arbeitet das Immunsystem besser, der Blutdruck sinkt, die Aktivität der Enzyme steigt. Das Vagusnervensystem bildet dabei das Bindeglied zwischen Gefühlen und körperlicher Gesundheit. Es verbindet sozusagen die Seele mit dem Körper. Die begleitenden Gefühle lösen im Körper biochemische Veränderungen aus, die über Blut und Nerven die Organe erreichen, wobei sie diese schädigen oder heilen können.

Die Zahl der Meditationen ist fast unüberschaubar. Von der Achtsamkeit bis zum Zen reichen die Schulen, sie nennen sich Tai-Chi, Qigong, Feldenkrais oder Yoga, aber auch Sufi-Drehtanz oder Tiefenentspannung nach Jakobsohn. Ob bewegt oder reglos, ob still oder stumm – das Meditieren soll uns immer helfen, positiv auf unsere Biochemie einzuwirken.

Für welche Meditation man sich auch entscheidet, wesentlich ist immer die Grundhaltung, dass der Mensch die Dinge so sein lässt, wie sie sind – unter Verzicht auf das Kognitive: keine Analysen und Urteile in Hinblick auf gut oder schlecht, keine Anforderungen mehr erfüllen, kein ‚du musst, du musst, du musst‘. Stattdessen Neugier auf das, was ist; die Realität schlicht anerkennen, ohne aktiv einzugreifen. So vergeht die Angst, unsere Kraft kehrt zurück, die Biochemie verändert sich, wir heilen uns selbst.

Für Neulinge im Bereich meditativer Techniken eignet sich vor allem der eigene Atmungsvorgang. Er geht einher mit Bewegungen des Zwerchfells und des Brustkorbs, er kann leicht bewusst wahrgenommen werden. Auch andere Übungen zielen darauf ab, den Blick nach innen zu lenken. Beim „Body-Scan“ wandert die Aufmerksamkeit vom Kopf bis zum kleinen Zeh. Die Verfahren und Gesten haben oft ein ehrwürdiges Alter. Beim christlichen Gebet lenken die verschränkten Hände vor der Brust die Aufmerksamkeit auf die Verschmelzung des Körpers mit dem Herzen. Dieser Appell an die ‚Wahrhaftigkeit‘ wirkt dem überbetonten und lügenanfälligen Verstand entgegen, ein innerer Klärungsprozess beginnt.

Eine weitere Herausforderung bei Meditieren besteht darin, unseren alten Unruhestifter, den Geist, zu sedieren. Wer den ‚Stream of Consciousness‘, das unaufhörliche Fließen der Gedanken, Phantasien und Erinnerungen nicht länger festhält und analysiert, sondern diese einfach laufen lässt, der wird nicht nur automatisch ruhiger, das Erlebnis kann sogar mystische Qualitäten erreichen: grenzenlose Freude, tiefer Frieden, allumfassende Liebe.

Solche Erfahrungen in Worte zu fassen, ist schwer, sie sind ein Faszinosum aller Meditationsschulen, ihr Wesenskern. Vipassana, die buddhistische Achtsamkeitsmeditation strebt nach „Erleuchtung“, beim Zen geht es darum ein tiefes Verstehen, das „Satori“, zu erreichen. Der Dalai Lama strebt nach „allumfassender Weisheit“, die christliche Mystik hat das „Einswerden mit Gott“ zum Ziel und die jüdische Kabbala strebt dahin, „bei Gott“ zu sein.

Welche Meditation einem liegt, das soll jeder selbst ausprobieren. Viele Wege führen zur Entspannung und zur Stärkung unserer Heilkräfte.

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