Thomas Otte
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Rhetorik in den Social Media: Mehr Sprachbewusstsein bitte …

Dass auch der präzise und durchdachte Wortlaut eines Textes Argumenten zum Sieg verhilft, ganz unabhängig von ihrem Inhalt, das ist nur wenigen bewusst. Dies gilt vor allem, seit jede und jeder in den Social Media so spricht, wie ihr oder ihm der Schnabel gewachsen ist. Güldene journalistische Grundsätze verlieren dort ihre Gültigkeit. Nehmen wir zum Beispiel die verpönten ‚Füllwörter‘.

Ein Satz sollte kurz und schlicht sein und keinen unnötigen Wortballast enthalten, das lehren bekanntlich alle Journalistenschulen. Trotzdem machen selbst die kleinen ‚Füllwörter‘ Sinn, vor allem dann, wenn es darum geht, den Eindruck von Glaubwürdigkeit und Zugehörigkeit zu erzeugen oder zu zerstören.

Uns geht’s ja noch gold“, lautet die stehende Redensart von Kempowskis Mutter in den Tadellöser-Romanen. Ein ‚Sprachpapst‘ wie Wolf Schneider hätte diesem Satz sofort die ‚überflüssigen’ Beiwörter ‚ja’ und ‚noch’ amputiert, das sei doch Schnickschnack, Ornament und überflüssiger Wortballast: „Uns geht’s gold“ sei zum Sinntransport völlig ausreichend. Ist das so? Faktisch gehen durch diese Verkürzung dem Satz doch wesentliche Bedeutungselemente verloren.

Das ‚ja’ transportiert ein ‚trotz alledem’, einen Hauch von unverwüstlichem Optimismus, das Glas ist immer halb voll, und nicht halb leer. Während das ‚noch’ zugleich das Gegenteil an die Wand malt: Morgen kann es schon ganz anders kommen – auch das weiß dieses ‚noch’ bereits. Es assoziiert einen tiefen Pessimismus aus blanker Lebenserfahrung heraus. Die ganze verworrene ‚Volksweisheit’ kommt erst im unverstümmelten Satz zum Ausdruck.

Auch das Wortwörtliche, das ‚Authentische’, um ein Modewort zu verwenden, ist nur in den Redewendungen mit Füllwört-Schnickschnack enthalten: „Was hat er sich da man bloß bei gedacht?“ – das ist unüberhörbar norddeutsch. „Was hat er sich dabei gedacht?“ ist dagegen nur schlichtes Schriftdeutsch. Mit Hilfe richtig eingesetzter Füllwörter transportieren wir u.a. Atmosphäre, Straßenweisheit und auch die Region in den Text hinein. Dazu brauchen wir ‚bloß man’ ein gutes Ohr für mündlichen Redegebrauch.

Der oben genannte ‚Sprachpapst‘ Wolf Schneider ist einer der größten Eiferer gegen jeden Einsatz von Füllwörtern. Das hat Gründe: Kehrte doch mit dem stilvollen Einsatz der kleinen Nützlinge das Verpönte in den ‘objektiven Qualitätsjournalismus’ zurück: nämlich die Wertung, der Sarkasmus, die Ironie, manchmal sogar der Humor. Hier ein konstruiertes Beispiel für den möglichen Einsatz von Fürwörtern.

Auf geplante Steuersenkungen musste Wolfgang Schäuble dann endgültig verzichten” – das wäre ein ganz normaler Schnarchsatz aus jeder provinziellen Redaktionsschmiede in Deutschland. Ein kleines ‘hinweisendes Fürwort’ aber, eine ‚Deixis‘, und schon zeigt der nackte Finger auf einen notorisch Erfolglosen: “Auf geplante Steuersenkungen musste dieser Wolfgang Schäuble dann endgültig verzichten“. Eine sarkastische Note schwebt plötzlich über dem Text, ein ‚Er-schon-wieder!‘, nur deshalb, weil der Schreiber mit einem hinweisenden Fürwort anklagend auf den Übeltäter zeigt, ihn sozusagen persönlich in die Verantwortung nimmt. Mit einem weiteren ‘besitzanzeigenden Fürwort’ ließe sich dieser Effekt noch verstärken: “Auf seine geplanten Steuersenkungen musste dieser Wolfgang Schäuble dann endgültig verzichten“. Das gescheiterte Projekt klebt jetzt allein ihm und keiner anderen Person an der Backe.

Noch schlimmer wäre der Einsatz eines weiteren färbenden Füllworts namens ‘auch’, dass den Vorgang in eine ganze Reihe von vergleichbaren Niederlagen einbindet: “Auf seine geplanten Steuersenkungen musste dieser Wolfgang Schäuble dann endgültig auch verzichten” … die Nachricht über ein Faktum verwandelt sich prompt in den Abschluss einer ellenlang mitgedachten Aufzählung. Die Grenze zu Sarkasmus und Polemik ist jetzt erreicht. Richtig rund würde dies Verfahren durch ein zusätzliches ‘noch’: “Auf seine geplanten Steuersenkungen musste dieser Wolfgang Schäuble dann endgültig auch noch verzichten“. Jetzt ist der Gipfel erreicht, die Kirsche krönt den Eisbecher, dieser Satz setzt einem Nichtskönner die Eselsmütze aufs Haupt.

Zwar wurde der Satz durch jedes dieser ‘Füllwörter’ länger, aber er wurde dadurch eben nicht schlechter, allen journalistischen Ratgebern und Stiltröstern zum Trotz. Hartgesottene Unions-Parteigänger fänden ihn wohl mit jedem Füllwort empörender. Diese Füllwörter färben und bewerten also den Satz, ohne dass der Leser erkennt, wie er bei der Lektüre zu dieser Wertung hingeführt wird. Unmerklich gewinnt der Satz polemische Durchschlagskraft. Natürlich dürfte niemand im Journalismus so verfahren, in den Social Media ist solch ein Sprachgebrauch neuerdings sehr wohl erlaubt.

Ein weiteres Beispiel: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzroten Koalition seit 2013“. Prompt genügte schon ein einziges Füllwort, das an dieser Girlande bimmelt wie eine Narrenschelle, um die Ironie erblühen zu lassen: “Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzroten Koalition seit 2013 irgendwie” …

Kurzum: Füllwörter sind nicht entbehrlich, sondern unverzichtbar. Sie gehören in das weite Feld der ‚rhetorischen Stilmittel‘. Vermutlich eifern die Sprachpäpste deshalb so lauthals gegen sie, weil rhetorische Verfahren ‚nun mal‘ nicht zum Journalismus zu zählen seien, sie wären ‚eben‘ kein Bestandteil rationaler Informationsvermittlung. Mehr Sprachbewusstsein wie auch rhetorische Kenntnisse schaden daher nie – auch und gerade nicht der Kommunikation von Betriebs- und Personalräten. Vor allem aber sind sie nur höchst selten ‚justiziabel‘.

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